Entwicklungspotenziale zur inklusiven Schule
Am Dienstag, 17. März 2026 fand die Mitgliederversammlung von SOCIALBERN statt. Im Anschluss an den statutarischen Teil vermittelte Prof. Dr. Sahli Lozano einen Überblick über das bernische Bildungssystem und seine Entwicklungspotenziale. Mit pointierten Aussagen schilderte die Professorin ihre Analyse und Vision für das kantonale Bildungswesen.
Inklusion ist mehr als ein bildungspolitisches Schlagwort – sie ist eine Haltung, die sich in Strukturen, Kulturen und Praktiken von Schulen widerspiegelt. Prof. Caroline Sahli Lozano zeigte in ihrem Referat auf, wie das bernische Bildungswesen diesen Weg gestaltet.
Ein Blick zurück: Von der Separation zur Inklusion
Die Geschichte der schulischen Förderung in der Schweiz ist eine Geschichte der Abgrenzung und Annäherung. Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte die Separation: Kinder mit besonderen Bedürfnissen wurden in eigenen Institutionen unterrichtet, fernab vom regulären Schulsystem. Erst im späten 20. Jahrhundert setzte sich langsam die Idee der Integration durch. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Ausgrenzung, sondern um Brücken – etwa durch integrative Schulmodelle, die Kinder mit und ohne Behinderungen zusammenbrachten. Doch auch hier blieb ein zentrales Problem bestehen: Die Verantwortung für den Lernerfolg lag oft beim Kind. Die Schule passte sich nicht an, sondern erwartete Anpassung.
Heute steht ein weiterer Paradigmenwechsel an: Inklusion. Der entscheidende Unterschied liegt in der Perspektive. Nicht das Kind ist „lernbehindert“, sondern das System behindert das Lernen. Inklusion bedeutet, Barrieren abzubauen, damit jedes Kind teilhaben kann. Es geht nicht darum, Kinder in bestehende Strukturen einzupassen, sondern diese Strukturen so zu gestalten, dass sie Vielfalt von vornherein berücksichtigen. Dieser Ansatz erfordert nicht nur neue Konzepte, sondern auch eine grundlegende Veränderung der Schulkultur.
Die föderale Realität: Die schulische Vielfalt in Bern
Die Schweiz ist bekannt für ihren Föderalismus – und das zeigt sich auch im Bildungswesen. Das bernische Bildungssystem hat ähnliche Ansätze wie die Nachbarskantone, werden aber teilweise unterschiedlich ausgestaltet. Drei zentrale Ansätze prägen die schulische Landschaft:
- Die integrative Regelschule: Hier werden alle Ressourcen in einen gemeinsamen Pensenpool eingebracht. Lehrpersonen, Therapiestunden und Förderangebote stehen der gesamten Schule zur Verfügung. Der Vorteil: Kinder lernen gemeinsam, und die Förderung wird flexibel dort eingesetzt, wo sie gerade benötigt wird.
- Die Regelschule mit separativen Elementen: In diesem Modell gibt es innerhalb der Schule eigene Klassen für besondere Förderung. Die Ressourcen für Regelunterricht und spezielle Förderung werden getrennt verwaltet. Das ermöglicht eine gezielte Unterstützung, ohne gänzlich auf Integration zu verzichten.
- Die Sonderschulung: Für Kinder mit schweren Behinderungen bleibt die Beschulung in besonderen Volksschulen oder Sonderklassen eine Option. Diese separative Massnahme ist in bestimmten Fällen sinnvoll, sollte aber nicht die einzige Antwort auf besondere Bedürfnisse sein.
Die Wahl des Modells hat direkte Konsequenzen: Wie Prof. Sahli Lozano betont, beeinflusst das Angebot die Nachfrage. Wo viele Sonderschulplätze zur Verfügung stehen, steigt auch die Zahl der Kinder in separativen Settings. Umgekehrt kann eine konsequente Ausrichtung auf integrative Modelle dazu führen, dass weniger Kinder in Sonderschulen unterrichtet werden.
Inklusion gestalten: Zwei Ebenen, ein Ziel
Doch Inklusion lässt sich nicht allein durch strukturelle Massnahmen verwirklichen. Sie gelingt nur, wenn sie auf mehreren Ebenen ansetzt – und wenn sie von allen Beteiligten mitgetragen wird.
Auf der Makroebene geht es um politische und administrative Weichenstellungen. Gesetze, Ressourcenverteilung und Ausbildungsvorgaben müssen so gestaltet sein, dass sie Inklusion fördern. Der Kanton Bern hat hier bereits wichtige Schritte unternommen – etwa durch die Möglichkeit, integrative Schulmodelle zu stärken. Doch strukturelle Veränderungen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, wie Schulen diese Rahmenbedingungen nutzen.
Auf der Mikroebene – also in den Schulen selbst – entscheidet sich, ob Inklusion gelingt. Hier sind vor allem zwei Dinge gefragt:
- Eine klare Zielsetzung: Schulen müssen Inklusion nicht nur als Vorgabe, sondern als gemeinsame Vision verstehen. Das bedeutet, dass alle Beteiligten – von der Schulleitung über die Lehrpersonen bis zu den Eltern – in den Prozess einbezogen werden. Leitbilder, Schulentwicklungsprojekte und partizipative Formate können dabei helfen, Inklusion konkret zu machen.
- Die Entwicklung von Kompetenzen: Lehrpersonen und Schulleitungen brauchen Wissen und Werkzeuge, um mit heterogenen Klassen umzugehen. Fortbildungen, kollegialer Austausch und praxisnahe Instrumente wie der Index für Inklusion können Schulen dabei unterstützen, ihre Stärken und Entwicklungsfelder zu erkennen und gezielt an ihnen zu arbeiten.
Fazit: Inklusion als gemeinsamer Prozess
Inklusion ist kein Zustand, der irgendwann erreicht ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Dabei geht es nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“. Integrative und separative Modelle müssen sich nicht ausschliessen, sondern können sich ergänzen – solange das übergeordnete Ziel klar ist: eine Schule, die alle Kinder willkommen heisst und ihnen die bestmöglichen Chancen bietet.